Tier & Mensch e.V. |
Foto:
E.Wendt
Salehi, K.Ulich, E.Ulich, Apel, Aigner bei der Übergabe des offenen
Briefes
Frau
Aigners Antwort
auf den Brief (siehe unten)
Auf
unseren Offenen Brief anlässlich der Grünen Woche
erhielten wir von Landwirtschaftsministerin Aigner am 15. April die
folgende Antwort (geringfügig gekürzt):
„Der Begriff der Massentierhaltung lässt sich nicht definieren,(....)
Ziel der Bundesregierung ist eine nachhaltige, wettbewerbsfähige tierische
Produktion, die sowohl den Tierschutz als auch den Umwelt- und
Verbraucherschutz beachtet.(....) Demgegenüber setzt der Tierschutz beim einzelnen Tier an und ist daher unabhängig von der Zahl der
Tiere in einem Betrieb zu sehen. Tierschutzrechtliche Vorschriften
gelten daher unabhängig von der Zahl der gehaltenen Tiere für alle landwirtschaftlichen
Tierhaltungen. Es gibt derzeit keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass es in großen Tierhaltungen nicht
möglich wäre, die Tierschutzvorschriften einzuhalten.(.....) Im Übrigen gehen jetzt
immer mehr Tierhalter dazu über, ihren Tieren noch bessere Haltungsbedingungen
als rechtlich vorgeschrieben zu gewähren. Solche Entwicklungen werden
begrüßt und gefördert.
Was die Idee der Einführung einer
Fleischsteuer anbelangt, so sind derartige Gedanken nicht neu. (...)
Um über einen gestiegenen
Preis den Fleischverbrauch wirksam zu senken, müsste eine solche Steuer relativ
hoch ausfallen. Auch scheint die Einführung nur für Fleischerzeugnisse
aus sog. Massentierhaltungen nicht praktikabel (allein schon
deswegen, weil die Definition unklar ist) und müsste demzufolge für alle Fleischprodukte gleichermaßen gelten. Dies aber hätte neben sozialen Implikationen auch gravierende wirtschaftliche
Auswirkungen für den Ländlichen Raum und die dortigen Arbeitsplätze. Aus Wettbewerbsgründen wären derartige Maßnahmen zudem nicht nur
national umzusetzen, sondern müssten für den gesamten europäischen Binnenmarkt
eingeführt werden. Dies aber ist derzeit nicht realistisch.
OFFENER BRIEF
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von Karin Ulich
Die Grüne Woche in Berlin war wieder ein großes Schauspiel. Diesmal drehte sich das Drama um das große Zukunftsthema Landwirtschaft im Problemfeld Klimawandel und Welternährung. Neue, nachhaltige und zukunftsweisende Konzepte für die Politik wurden von der Messeleitung proklamiert, und immerhin fanden sich die Landwirtschaftsminister aus etwa 50 verschiedenen Ländern ein, um „mitzuspielen“.
Die Hauptdarsteller waren Bauernverbandspräsident Sonnleitner und Landwirtschaftsministerin Aigner. Ja, in dieser Reihenfolge. Denn wenn Sonnleitner ihr irritiert einen persönlichen Brief schrieb, in dem er forderte, sie solle ihre Aussage, weniger Fleisch zu essen würde der Gesundheit und dem Klima gut tun, klarstellen, (wie er selbst sagte) und sie daraufhin ihre eigenen Worte als „wundervolle Ente“ leugnete, dann ist wohl klar, wer die Hauptrolle inne hatte.
Beide beschworen eindrucksvoll den Klimaschutz, Qualität und Nachhaltigkeit, sie sprachen von Verantwortung und Weitsichtigkeit. Die Bauern schützten das Klima, nur ein bisschen schadeten sie ihm, nur zu 5,6%. Die Tierschutzstandards seien hoch, die Artenvielfalt der Landwirtschaft zu verdanken.
Künftig müsse die Produktion effektiv gesteigert werden mit moderner Technik und Forschung, die Exportförderung werde gestärkt. Das gilt ganz besonders für die Ausweitung der „Tierproduktion“. Gleichzeitig wird prognostiziert, dass in Zukunft die Fleischpreise auf dem Weltmarkt stagnieren werden. Nanu, wie passt das alles zusammen?
Es lenkt den Blick hinter die Kulissen, wo es viel spannender zuging: Da wurden knallharte Geschäfte gemacht, statt Nachhaltigkeit galt das Gesetz der Profitmaximierung, hier herrschten die Großkonzerne der Massentierhaltung und der Agro-Gentechnik ohne sich den Kopf über eine Milliarde Hungernde oder Klima zu zerbrechen. Ein Beispiel ist der Vertragsabschluss mit Russland, dort für 92 Millionen Euro eine Schweinezuchtanlage samt Fleischverarbeitungsfabrik für 27.000 Tonnen Fleisch im Jahr zu bauen. Als lebende Anschauungsobjekte litten 25 Ferkel auf einem kahlen Kunststoff-Spaltenboden. Sie hatten zwar viel mehr Platz als in den üblichen Ställen, einige trugen aber die typischen schmerzhaften Verletzungen an den Sprunggelenken und Füßen, alle waren mit Bisswunden übersäht, die auf enorme soziale Belastung durch Zusammenwürfeln unterschiedlicher Herkünfte hindeuteten. Es ist schwächeren Tieren vollkommen unmöglich, sich den Angreifern zu entziehen. Unverständlich, dass der zuständige Amtsarzt alles in Ordnung fand.
Doch die Kritiker waren überall präsent. Sie waren zahlreich vertreten und hoben entschlossen den Grünen Schleier, um unübersehbar auf die Widersprüchlichkeit der Show aufmerksam zu machen. Auch die Ferkelhaltung wurde zur Anzeige gebracht (http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/schweinemaester-reden-sich-um-kopf-und-kragen). Zwei Greenpeace-Mädchen kippten beim Agrarminister-Empfang Frau Aigner Kartoffeln vor die Füße und forderten ein Anbau-Verbot gentechnisch veränderter Kartoffeln, während gleichzeitig Demonstranten des Netzwerkes „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ mit Mitglieder von über 60 Bürgerinitiativen, von Bauern-, Tierschutz- und Umweltverbänden gegen die industrielle Massentierhaltung demonstrierten. Mit zahlreichen Ortsschildern machten sie darauf aufmerksam, in welchen Dörfern sich die Bewohner verzweifelt gegen Massentierhaltungsanlagen zur Wehr setzen. Aus einem Lautsprecher tönte das Schreien von Schweinen in Todesangst. Viele unserer Flugblätter wurden verteilt, auf denen die vielfältigen Schäden durch Tierfabriken aufgeführt sind, Vertreter der Verbände hielten eindringliche Ansprachen.
Aber auch in den Pressekonferenzen oder Fachveranstaltungen der Wirtschafts-Mächtigen, des Bauernverbands, und der Politik war diese „Seilschaft“ nie ungestört. Die Versuche, den Grünen Schleier vor die wahren Interessen zu hängen, wurden von kritischen Fragen stets entlarvt.
Wer sich sachlich informieren wollte, hatte Gelegenheit bei ausgezeichneten Veranstaltungen der großen Umweltschutz- und Tierschutzverbände, beim Arbeitskreis Bäuerliche Landwirtschaft, und Netzwerken, wie der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, dem Agrarbündnis, Neuland, oder auch bei Bio-Verbänden.
Es wurde der neue „Kritische Agrarbericht“ vorgestellt. Sein zentrales Thema ist der Boden mit seinen für Fruchtbarkeit und Klima so wichtigen Lebensgemeinschaften, die in heute üblichen Monokulturen durch Gift und Kunstdünger getötet und der Erosion preisgegeben werden.
Die im Weltagrarbericht zusammengestellten wichtigen Erkenntnisse von 500 Wissenschaftlern, die 7 Jahre lang unter der Federführung des Weltbank-Wirtschaftsexperten Robert T. Watson international zusammen gearbeitet hatten, wurden zur Sprache gebracht. Beim Neuland-Empfang war Frau Aigner anwesend und musste sich aufrüttelnde Reden anhören.
Ob sie begriffen hat, dass die Rettung des Lebens auf unserem Planeten nicht von noch mehr Technik, noch mehr Tierproduktion und der Gentechnik liegt, sondern in der bäuerlichen, regionalen, ökologischen Landwirtschaft mit artgerecht gehaltenen Tieren in kleinen Beständen, die Auslauf im Feien haben und Stroh im Stall? Hat sie begriffen, dass die Verbraucher informiert werden wollen, wie die Lebensmittel erzeugt werden, wie die Tiere gehalten wurden, weil 93% (emnid-Umfrage) qualvolle Massentierhaltung ablehnen?
Wir hoffen, dass sie sich allmählich aus der Seilschaft lösen wird, auch wenn es sie ihren Posten kosten sollte, denn der Koalitionsvertrag ist nach den Wünschen der Agrar-Industrie verfasst. Es ist jedoch dringend nötig, dass endlich die Vernunft regiert – nicht die Profitgier der „Global-Players“.
Tier und Mensch hat nach Kräften seinen Beitrag geleistet. Wir haben uns in den Diskussionen eingebracht, auf den Straßen außerhalb des Messegeländes Tausende von Flugblättern verteilt, Frau Aigner einen „Offenen Brief“ überreicht in dem wir sie auf die fundamentalen Widersprüche der Politik aufmerksam machten. Wir haben Tierärzten, Politikern und Tier-„Produzenten“ kritische Fragen gestellt, demonstriert und Vorträgen gelauscht. Dabei fühlten wir uns geborgen und ermutigt in der starken Gemeinschaft Gleichgesinnter.
Nur mit der Übergabe der 2950 Unterschriften und des Protestschreibens von 16 Vereinen gegen die Vogelgrippe-Politik klappte es leider nicht – dafür müssen wir eine andere Gelegenheit finden.
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