Tier & Mensch e.V. |
Selten
wurde der Rücktritt eines Ministers in einem Bundesland mit so großer
Erleichterung zur Kenntnis genommen – und nicht nur von
Natur- Umwelt- und Tierschutzverbänden, sondern offensichtlich auch
von den Parteien, sogar der CDU. Es wird von einem
„Rauswurf“ gesprochen. Wie geht es nun weiter? Kommen wir mit
Herrn Lindemann vom Regen in die Traufe? Immerhin lassen einige
Presseäußerungen hoffen. So bringt der TAGESSPIEGEL die Meldung
mit der Überschrift „Puten können hoffen“, und das Göttinger
Tageblatt kündigt an: „Lindemann will Tierschutz verbessern“.
Ministerpräsident McAllister sprach von „berechtigten
Forderungen großer Teile der Gesellschaft“ und stellte in
Aussicht, sich über Weihnachten selbst ein Bild machen zu wollen.
Und noch immer stehen im Raum die Erklärungen des Staatssekretärs
Ripke, der im Oktober im Agrarausschuss gravierende Mängel in der
Geflügelhaltung aufgelistet hatte. Er hatte sogar von Plänen
gesprochen, neue Leitlinien zu entwickeln. Diese Äußerungen hatten
wütende Reaktionen der Geflügelwirtschaft zur Folge (was durchaus
verständlich ist), ihm aber auch heftige Kritik aus dem
eigenen Haus eingebracht, nicht zuletzt von seiner Chefin.
Also sah sich Ripke gezwungen, sofort zurückzurudern. In einem
Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen erklärte er, dass ihn
die Reaktion auf seine Erklärung sehr betroffen gemacht habe und:
„Wir brauchen eine Kehrtwende nicht“. Denn der „Tierschutz sei
ein Dauerthema“.
Genau
das ist es. „Dauerthema“ seit sechzig Jahren – und kaum etwas
hat sich verbessert.
Wir
halten es für völlig ausgeschlossen, dass Herr Lindemann nun da
anfängt, wo seine gescheiterte Vorgängerin aufhören musste.
E.U.
21.11.2010
Staatssekretär Ripke hat schwere Missstände in der
Geflügelhaltung eingeräumt, wie die Hannoversche Allgemeine Zeitung
am 18.11.2010 berichtete. Doch solange Astrid Grotelüschen in
Niedersachsen Landwirtschaftsministerin ist, wird sich gar nichts
ändern, fürchtet die Tierärztin Karin Ulich, Vorsitzende von Tier &
Mensch e.V. Als sprichwörtliche „Putenministerin“ hat sie bisher die
intensive Geflügelhaltung stets gegen jede Kritik energisch
verteidigt und sich als übereifrige Lobbyistin präsentiert. Ahlhorn,
das Unternehmen ihrer Familie, züchtet ja selbst diese krank
gezüchteten Puten in großem Stil und verdient auf allen
Erzeugerstufen mit, bis zum Schlachthof. Bisher hat sie sich nicht
gescheut, sich lächerlich zu machen, indem sie sich auf das
Peinlichste heraus geredet und gewunden hat. Zum Beispiel, als sie
zu den von PETA aufgedeckten Missständen in Putenhaltungen Stellung
nehmen sollte (Report Mainz, ARD im August 2010). Obwohl ihr
Familien-Unternehmen mit den betreffenden Haltungen eng verflochten
ist und ihr offensichtlich nachgewiesen wurde, dass sie im
Zusammenhang mit den schweren Vorwürfen gegen Mastställe in
Mecklenburg-Vorpommern mauschelte.
Misstrauen ist wahrhaftig angesagt. Seit Jahrzehnten ist es in
Niedersachsen Tradition, sich auf Bundes- und EU-Ebene dafür
einzusetzen, durch extreme Drangsalierung der Tiere das letzte aus
ihnen heraus zu pressen, damit die Renditen der Geflügel-Industrie
steigen. Auch Grötelüschens Vorgänger Ehlen kam aus der Branche: Er
besaß vor Antritt seines Ministerpostens eine tierquälerische
Schweinemast (die seinem Sohn überschrieben wurde). Entsprechend war
seine Politik.
„Nun stelle ich mir folgende Szenarien vor,“ grübelt Ulich:
“Entweder verliert Ripke seinen Posten als Staatssekretär, weil er
Frau Grotelüschen und der Geflügelwirtschaft zu dreist auf den
Schlips getreten ist. Oder aber Grotelüschen muss endlich gehen,
weil sie den Bogen überspannte, indem sie ihr Ministeramt gar zu
selbstsüchtig interpretierte. Wahrscheinlich ist die Meldung jedoch
ist eine gemeinsam mit den Massentierhaltern raffiniert
ausgeklügelte Finte, um mit ein paar wohlklingende Worten die
Kritiker verstummen zu lassen. Es dürfte klar sein, dass in diesem
Falle auf Zeit gespielt würde und mit Verschleierungstaktiken den
Bürgern Verbesserungen vorgegaukelt würden, die es gar nicht gäbe.
Denn wer will schon die Gewinnmargen des Agrar-Business gefährden?
Der Argwohn ist nicht von der Hand zu weisen. Um ein Beispiel zu
nennen: Das reumütige Bekenntnis aus dem Ministerium verschwieg,
dass schon lange in Deutschland verboten ist, den Tieren die
Schnäbel zu amputieren, wenn nicht wegen akuter
Kannibalismus-Probleme eine Ausnahmegenehmigung erteilt wurde – und
trotzdem wird dieser tierquälerische Eingriff routinemäßig bei den
Eintagsküken durchgeführt und von den Behörden geduldet.
Und doch es ist überraschend und erfreulich, dass wenigstens der
Staatssekretär der Ministerin endlich einmal zugegeben hat, dass die
Geflügelhaltung einer Tierschutz-Offensive bedarf. Ministerpräsident
McAllister sollte nun endlich Stellung beziehen!
Siehe auch:
http://www.peta.de/web/putenmastskandal.3839.html
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