Tier & Mensch e.V. |
Die Ratte, die ein Kaninchen war
Amigo
hatte Glück. Wie unendlich hatte er gelitten, als er eines Tages in
die Zelle eines Tierheims kam und nie wieder seine Familie sah. Das
unbändige Temperament des großen einjährigen Hundes drängte und
drückte in seiner Brust, er weinte und rief mit seinem Gebell seine
Verzweiflung heraus. Amigo war schön und kräftig - kein Wunder,
mit einer Berner Sennenhündin als Mama, und einem Vater, der
sicherlich um einiges größer war. Sein Äußeres zusammen mit
seiner unschuldigen Freundlichkeit halfen ihm dabei, bald das
Tierheim und seine bedrückten Artgenossen verlassen zu dürfen. Er
bekam eine neue Heimat, und was für eine!
Er durfte einen kleinen Bauernhof am Rande eines Dorfes sein Reich
nennen, in der herrlichen Obstwiese nach Mäusen graben, die Ratten
im Stall jagen, die seinem Herrchen, den Bauern, ein Problem waren.
Er wachte über das Wohl seiner Familie: Oma, Opa, Vater, Mutter und
die drei Söhne, aber auch für die Kühe und Kälber, Hühner und
Enten fühlte er sich verantwortlich. Er begriff sehr schnell, wer
und was alles dazu gehörte. Gerne hielt er sich Im Schatten des
Stalles an der Straße auf, um die Spaziergänger und Fahrradfahrer
schwanzwedelnd zu begrüßen. Am nettesten war es, vorbeikommende
Hunde ausführlich zu beschnuppern und einige Runden mit ihnen durch
die Wiesen zu tollen. Und wenn es langweilig wurde, besuchte er auch
seine Hundefreunde in der Nachbarschaft.
Auf ihn war Verlass, das spürten die Menschen schon nach wenigen
Tagen, und so gewährten sie ihm die Freiheit, von denen die meisten
Hunde ihr Leben lang nur träumen können.
Es war ein frostiger Abend im März, als er seine übliche Runde
entlang seiner Reviergrenze Drehte. Im Gebüsch in der Kälberweide
roch es sehr kräftig, unwiderstehlich spannend. Seine Nase streckte
sich neugierig unter die Zweige, er schnüffelte eifrig. Den Geruch
kannte er doch! Reglos duckte sich ein kleines Tier eng unter das
schützende Strauchwerk. Es fror, zitterte, war nur ein Bundelchen
Angst. Amigo nahm es in die Schnauze. Das musste er heim bringen!
Der Bauer war gerade mit dem Melken fertig, als er Amigo herantraben
sah. Ha, der brachte wohl eine
Ratte!
„Braver
Kerl - das hast Du fein gemacht!"
Amigo legte seine Beute vorsichtig zu Füßen des Mannes ab. Das
graue Tier lebte noch! Na los! - Beiß sie schnell tot!"
Doch da fielen ihm die langen Ohren auf, flach auf den Rücken
gelegt. Und ein Rattenschwanz war auch nicht zu sehen. Amigo sah
seinen Herrn gespannt an. Ob der wohl noch kapierte?
Der Bauer bückte sich und hob das feuchte Tierchen auf „Ein
junges Kaninchen!" rief er, „Was,Amigo, das müssen wir mal
den Kindern zeigen". Genauso hatte der Hund sich das
vorgestellt. Aufgeregt lief er neben dem Bauern her zum Wohnhaus.
Und kurz darauf waren sie umringt von entzückten,
liebevollen Augen und Stimmen. Es gab auch viel Bewunderung und Lob
für den vierbeinigen Renner. Schließlich nahm die Mama das kleine
Kerlchen in ihre warmen Hände. „Wir müssen sofort zur Tierärztin
gehen“, beharrte Mario. Über einen Anruf ließ sich schnell ein
Terminvereinbaren. In ein Handtuch gewickelt und auf eine Wärmflasche
gelegt wurde das frierende Tiergewärmt. Mario durfte es auf dem Weg
zur Tierärztin auf dem Schoß halten. Alle wollten mit. Beider
Untersuchung stellte sich heraus, dass dem Kaninchenbaby nichts
fehlte! Ein erleichtertes Aufatmen
ging durch die Familie. Es war ein Mädchen! Nun musste noch erklärt
werden, wie das Tierchen mit Milch und Ei aufgezogen werden konnte.
Und so gedieh Stups, wie sie genannt wurde,
prächtig. Dazu
trugen natürlich auch die viele Zuwendung, Liebe und Wärme bei,
die ihr entgegen gebracht wurde.
Kein Wunder, dass keiner in der Familie Verständnis aufbrachte, als
eine Woche später ein Nachbar, der einige Häuser weiter weg
wohnte, Anspruch auf sein Kaninchen erhob! Es hatte sich nämlich
bei seinem ersten Gartenausgang verlaufen und blieb verschwunden. Hätte
Amigo es nichtgerettet; wäre es ja in der kalten Nacht erfroren! So
durfte Stups bleiben.
Amigo behielt Stups im Auge, Täglich sah er ihr beim Grasen und
Hoppeln zu - es sah so aus, als freute er sich darüber, wie Stups
sich zu einem lebhaften Kaninchen entwickelte, das fröhlich
zusammen mit den anderen beiden Kaninchen im Gehege herum fetzte.
Richtig alt wurde sie! Mit mehr
als neun Lebensjahren überlebte sie sogar ihren Retter um zwei
Monate.
Karin Ulich
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