Tier & Mensch e.V.

Verwirrung um weltweites Bienensterben - 
doch die Gründe sind bekannt
Besonders krass traf es die Bienen in der Rheinebene und bei Passau in diesem Frühjahr. Was lange geleugnet wurde, war diesmal auf Grund der hohen Rückstände zu offensichtlich: Insektizide waren schuld. Das bundeseigene Julius-Kühn-lnstitut ermittelte als Ursache des Bienensterbens das gegen Drahtwürmer- und Wurzelbohrerbefall in der Maissaat eingesetzte Bayer-Mittel Poncho. Der darin enthaltene Wirkstoff Clothianidin habe nicht ausreichend gehaftet und sei in Blüten anderer Pflanzen gelangt. Nebenbei bemerkt: Ein Fruchtwechsel ist die beste Bekämpfungsstrategie gegen den Maiswurzelbohrer - ganz ohne Gift!
Als Reaktion auf das Bienenvolksterben wurde die Zulassung für Poncho und andere clothianidinhaltige Insektizide auf Anordnung des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit ausgesetzt. Einige dürfen jedoch schon in diesem Herbst z.B. bei der Rapssaat wieder verwendet werden. An Raps hafte das Insektizid besser, heißt es. Diese Kosmetik löst das Problem nicht!
Seit Anfang der 90er Jahre geistern immer wieder alarmierende Berichte durch die Medien über das Sterben ganzer Bienenvölker, besonders in Europa und Amerika. Die meisten Wissenschaftler, die zu Wort kommen, erwecken den Eindruck, das Sterben sei mysteriös. Redakteure lieben derartige gespenstige Szenarien und meiden offenbar jeden, der eine nüchterne Erklärung liefert.
Die gibt es in der Tat: Unabhängige Wissenschaftlern haben die Ursache schon längst gefunden:
Wir müssen uns die älteren Verwandten des Clothianidins ansehen. Die ersten kamen bereits Anfang der 90er Jahre als Imidacloprid und Fipronil auf die Äcker. Alle miteinander sind Nervengifte aus der Großfamilie der Neo-Nikotinoide - entfernt verwandt mit Nikotin. Als "Systemisches Gift" wird der Wirkstoff, mit dem die Samen behandelt werden, beim Wachsen in alle Pflanzenteile verteilt und findet sich schließlich auch in Nektar und Pollen. So soll die Pflanze vor Schadinsekten gefeit sein.
Bayer CropScience ist dank der Neo-Nikotinoide weltweit Marktführer bei Insektiziden und macht gigantische Geschäfte. Da stört Kritik! Dennoch verlor die Firma bereits 2003 eine Unterlassungsklage gegen den französischen Präsidenten des Imkerverbandes, der somit weiterhin sagen darf: "Imidacloprid ist die Hauptursache des auch in Deutschland lange als rätselhaft bezeichneten Bienensterbens". Bayer CropScience scheiterte auch mit seiner Klage gegen das Verbot, Imidacloprid in Frankreich bei Sonnenblumen einzusetzen.
Trotzdem wird die Giftwirkung auf Bienen in den meisten Ländern immer noch ignoriert und geleugnet. Auch in Deutschland, der Bayer-Heimat.
Dieses Versteckspiel wird ermöglicht durch die Eigenschaften der Neo-Nikotinoide:
Sie vergiften nur in hohen Konzentrationen sofort tödlich. Die Wirkung verläuft in den meisten Fällen eher schleichend und chronisch: Neben Sinnesausfällen, die besonders den Orientierungs- und Geruchssinn betreffen, wird das Immunsystem geschädigt, so dass die Bienen extrem anfällig für Parasiten wie die Varroamilbe, sowie für Infektionen mit Viren, Bakterien und Pilze werden. Wenn die Bienen also nicht "auf rätselhafte Weise verschwinden", weil sie fern von ihrem Stock sterben, fällt auf, dass Krankheiten in bisher ungekanntem Ausmaß die Bienen dezimieren. Statt die eigentliche Ursache zu benennen, werden die Folgeerscheinungen ins Rampenlicht gezerrt, auch von der seit drei Jahren in Deutschland forschenden Monitoringgruppe, die im Tierärzteblatt vom April 2008 mit einem langen Artikel zu Wort kam. Darin warnte sie vor Gefahren durch die Varroamilbe und Einzeller namens Nosema ceranea - die Risiken durch Neo-Nikotinoide wurden beiseite geschoben: Ein direkter Einfluss scheine sich nicht zu bestätigen. Bei diesem Monitoring wirken Imker, staatliche Institute und die Chemie-Industrie mit. Na, wer wird wohl seine Interessen durchsetzen wollen?
Endlich aber findet der bislang erstaunlich zurückhaltende Präsident des deutschen Imkerverbandes, Manfred Hederer, deutliche Worte: "Der akute Grund... sind die Nervengifte, die in der Agrarchemie eingesetzt werden" und: "Die PR-Kampagnen Varroamilben oder Viren aller Art sind Ablenkungsmanöver. Hier gibt es Forschungsgelder... um von der tatsächlichen Ursache, den Nervengiften, abzulenken". Er schließt die Forderungen an, nervengifthaltige Stoffe zu verbieten. Auch eine Änderung des Zulassungsverfahrens von Pestiziden hält er für nötig: Nicht die Wirkung innerhalb einiger Tage darf ausschlaggebend sein für die Prüfung der "Bienenverträglichkeit" eines Stoffes, sondern die Beobachtung des Volkes über ein Jahr. (Radio-HN-Interview am 17.Juli 2008)
Währenddessen kommen immer neue Gifte und Kombinationen auf den Markt und in die Natur. Die EU ist seit drei Jahren überfällig mit ihrer Entscheidung, ob Imidacloprid verboten werden soll, gleichzeitig wird sie von wirksameren, noch giftigeren neuen Insektiziden überrollt. Die Bienen müssen also weiterhin kränkeln und sterben.
Mit ihnen aber auch eine Vielzahl von Wildinsekten, die ebenfalls den unersetzlichen Job des Bestäubens machen. Für die Nutzpflanzen sinnt bereits die Chemie-Industrie auf Abhilfe: Gentechnik und Hormone können ja die Bienen ersetzen! Bereits jetzt ist eine Melone im Einsatz, der ein Hormon vorgaukelt, bestäubt worden zu sein - und sie wächst. An Tomaten und anderen Früchten wird entsprechend experimentiert.
Doch was geschieht in der Natur? Werden mit den bestäubenden Wildbienen und Hummeln (und vielen anderen Arten!) auch die
Wildpflanzen und Vögel und alle übrigen Tiere sterben, die von ihnen abhängen? Sind Politiker und Wissenschaftler noch bei Troste, wenn sie das Zepter über die Entwicklung des Lebens auf dieser Erde der Chemie-Industrie überlassen und für kurzfristige Wirtschaftsinteressen einiger Konzerne ihren gesunden Menschenverstand verraten?
KarinUlich
http://blogs.taz.de/schroederkalender/2008/07/26/katink_a_schroeder_die_blueten_des_boesen/
Als Text: Katinka Schröder, Immermannstraße 46, 44147 Dortmund. Bitte 1,45 Euro Rückporto beilegen! http://www.jungewelt.de/2008/08-08/021.php
www.cbgnetwork.org (Webseite der Coordination gegen Bayer-Gefahren, die wg. der Verharmlosung der Bienengefährlichkeit von Neo-Nikotinoiden Strafanzeige gegen den Bayer-Vorstand erstattet hat)
Karin Ulich
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